Fünf Fragen an Anabel Ternès

Im factro Interview spricht Anabel Ternès, Tech-Impact-Unternehmerin und Expertin für Leadership, über digitale Führung und Zusammenarbeit.

Eine Grafik mit einem Bild von Anabel Ternès und der Überschrift 5 Fragen an

Experten teilen Ihr Know-How

Aufgrund der Beliebtheit im vergangenen Jahr, geht unserer Interview-Reihe „Fünf Fragen an“ in die nächste Runde. Hier stehen Experten zu den Themen „Collaboration“, „digitale Zusammenarbeit“ und „New Work“ Rede und Antwort mit Tipps, Erfahrungen und einem Blick in die Zukunft.

Heute im Gespräch: Anabel Ternès. Sie ist im Vorstand des Bitkom AK Work 4.0 & Innovation, Leiterin des Instituts für Nachhaltigkeitsmanagement und Autorin von über 50 Büchern.

factro: Was sind für Dich die entscheidenden und unmittelbaren Mehrwerte digitaler Zusammenarbeit? Warum sollten Unternehmen und Organisationen dieses Thema besser sofort als später angehen?

Anabel Ternès: Wenn digitale Zusammenarbeit zukünftig zum neuen Standard wird, eröffnet das eine ganze Reihe neuer Chancen. Wir müssen nicht mehr jeden Tag ins Büro fahren, das gibt natürlich viel Flexibilität und Freiheit. Es gibt viele ganz individuelle Lebensumstände, in denen so überhaupt erst wieder möglich wird zu arbeiten.

Wenn ansonsten manchmal mein Kind allein wäre oder ich ein Familienmitglied häuslich pflege. Junge Arbeitnehmer erwarten mittlerweile häufig sogar die Option auf Home oder Mobile Office. Wieso sollten sie täglich ins Büro fahren, wenn es auch von überall anders geht?

Wenn man aber weiter denkt, fällt nicht nur der Weg ins Büro weg, sondern die Mitarbeiter müssen nicht einmal im selben Land sein. Arbeitgeber wie Arbeitnehmer treffen global statt lokal aufeinander. So können Stellen beziehungsweise Mitarbeiter gefunden werden, die ganz genau passen.

Die Zusammenarbeit mit Kollegen oder Partnern im Ausland ist auch sehr viel einfacher, günstiger und nachhaltiger. Früher oder später werden Unternehmen ohnehin dahin gedrängt. Sei es, weil Kunden nur noch digital arbeiten, weil Arbeitnehmer ihnen keine Wahl mehr lassen oder sogar weil vom Gesetzgeber entsprechende Vorgaben erlassen werden, wie es Bundesarbeitsminister Heil zeitweise gefordert hat.


factro: Wenn ich Teamarbeit digitalisieren möchte, komme ich an Tools und Apps nicht vorbei. Worauf muss ich bei der Auswahl der richtigen Lösungen besonders achten? Was ist nur Kosmetik?

Anabel Ternès: Wichtig ist vor allem eins: niemand sollte dabei abgehängt werden. Wenn Sie ein teures und komplexes System zur Zusammenarbeit einführen, das aber nur ein Bruchteil der Belegschaft versteht und nutzt, dann führt das nur zu Enttäuschung auf allen Seiten. Beobachten Sie, wie Ihre Mitarbeiter derzeit arbeiten und suchen Sie Tools und Apps, die in genau diese Workflows passen und leicht verständlich sind.

Verwenden Sie so viele Lösungen wie nötig, aber so wenige wie möglich. Wenn Sie auf einen Schlag Trello zur Ideensammlung, Jira zum Projektmanagement, Zoom für Meetings, Slack für die sonstige Kommunikation und Google Drive zur Dateispeicherung einführen, überfordern Sie ganz schnell Ihre Mitarbeiter.

Eine Gruppe erfolgreicher Mitarbeiterinnen im Büro


factro: Was ist Deiner Ansicht nach die größte Herausforderung bei der Einführung eines Collaboration Tools?

Anabel Ternès: Die große Herausforderung ist, dass die Mitarbeiter das Tool auch akzeptieren müssen. Im Arbeitsalltag mit neuer Software zu arbeiten, das bedeutet für viele ungewünschte Veränderung und Stress. Das Team muss verstehen, wieso ein neues Tool gebraucht wird und optimalerweise mitentscheiden können. Nur so hat das neue Tool eine Chance, akzeptiert zu werden. Und nur dann sind die Nutzer auch bereit, den Umgang damit zu lernen.


factro: Kein Tool ersetzt ein starkes Team. Wo stößt Software an Grenzen?

Anabel Ternès: Ein Tool kann Prozesse erleichtern, die Kommunikation klarer machen, aber es kann keine Wunder bewirken. Wir alle haben in diesem letzten Jahr selbst gesehen: ein Zoom-Meeting ist eben einfach etwas anderes als ein persönliches Treffen. Ein eingespieltes Team funktioniert wahrscheinlich in beiden Szenarien gut.

Besonders in Gesprächen mit mir noch unbekannten Personen ist es hingegen oft schwieriger. Die Hemmschwelle, in einem Raum mit Fremden etwas zu sagen, ist für alle einfach höher.


factro: Was macht einen Digital Leader aus und welche Kompetenzen muss er/sie mitbringen oder entwickeln?

Anabel Ternès: Gute Digital Leader hinterfragen vor allem ihre Rolle als Führungskraft. Sie sind nicht mehr in erster Linie eine Autorität, sondern Lernender, Coach, Mentor, Berater und Begleiter. Ein Stück weit geben sie so Macht ab. Anstelle von Einflussnahme steht jetzt Prozessbegleitung und Coaching.

Deshalb müssen sie auch eine andere Beziehung zum Team aufbauen können, müssen authentischer sein. Das Team muss jetzt mit und nicht mehr für die Führungskraft arbeiten. Ein guter Digital Leader erkennt die Stärken der Mitarbeiter, fördert sie und bringt sie ein. Gefragt sind vor allem Kompetenzen wie Veränderungsmanagement, Agilität und virtuelle Führung ebenso wie strategisches und visionäres Know-how.

Daneben aber der gesamte Bereich an Zukunftskompetenzen, also all die Kompetenzen, die jeder benötigt, der sich gut für die Zukunft aufstellen möchte. Dazu gehören neben den genannten auch persönliche wie soziale Fähigkeiten und digitale – vom Umgang mit Sicherheit, Respekt und Cybermobbing im Internet hin zum Einsatz digitaler Tools im beruflichen Alltag.


Über Anabel Ternès:

Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg ist u. a. im Vorstand vom Bitkom AK Work 4.0 & Innovation und von NFTE, in Beiräten, als Botschafterin und Mentorin engagiert. Sie leitet das Institut für Nachhaltigkeitsmanagement und hält eine Professur für Internationale BWL. Sie ist Autorin von mehr als 50 Büchern und spricht regelmäßig zu Zukunftsthemen, wie nachhaltiger Digitalisierung, Work 4.0 und Empowerment. Sie leitete mehrere Jahre das Business Development in internationalen Unternehmen.

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